A3 – Dialogisch-Humanistische Therapie komplexer Traumafolgen

Ein Dialogisch-Humanistischer Therapieansatz der Arbeit mit traumatisierten Menschen fußt auf folgenden Annahmen:

  • Im Kontakt mit dem Umfeld entwickelt sich ein dialogfähiges Selbst, das im weiteren Verlauf auch intrapsychisch kommuniziert (Repräsentation von Selbst und Umfeld). Traumatisiert das Umfeld, wird das Selbst gestört und in der Folge die Dialogfähigkeit. Traumatherapie stärkt die Selbstprozesse wieder und dadurch das Selbst und seine Dialogfähigkeit.
  • Das Selbstgespräch, der innere Dialog mit sich selbst und das reale Gespräch mit dem Gegenüber sind eng miteinander verschränkt. Es reorganisiert das Selbst und den Selbstwert. Ein posttraumatischer Selbst-Anteil hat oft eingeschränkten Zugang zu eigener Kraft, Klarheit und Stärke, zur Fähigkeit Wünsche zu formulieren und Grenzen zu setzen. Ihm steht personintern ein dominanter Anteil gegenüber, der geprägt ist von Hilflosigkeit, Resignation und der Bereitschaft zur Unterwerfung. Letzterer ist eine „Festschreibung“ der peritraumatischen Erfahrung(en) real nicht vorhandener Kontrollmöglichkeit. Dialog- und Ausdrucksübungen mit diesen Repräsentanzen sollen personintern wieder eine Grundlage schaffen für das Erleben von Selbstwirksamkeit, für die Stärkung des Selbst.
  • Traumafolgen sind somit ein sozial-interpersonelles Problem: Patient*innen mit Störungen des Selbst und in der Folge des Verhaltens und Erlebens werden diese Störungen auch im Kontakt zu ihren Mitmenschen zeigen. Das trägt wesentlich zur Chronifizierung der Traumafolgen bei (durch Misslingen von Kontakt, soziale Isolation, berufliches Scheitern u. ä.).
  • Die therapeutische Arbeitsbeziehung bietet bei Hinwenden des Blicks auf die aktuelle Kontaktgestaltung vielfältige Möglichkeiten, individuelle Formen des In-Beziehung-Tretens und der Kontaktabbrüche festzustellen. Für ein Schaffen und Einüben neuer Selbstprozesse gilt es gemeinsam förderliche Alternativen zu explorieren und zu entwickeln – stets auf der Basis der jeweils aktuellen Beziehungsgestaltung (in session contact): Sich als Gegenüber zu positionieren statt sich ohne reale Not in Selbstaufgabe zu unterwerfen.
  • Der Fokus auf Wahrnehmung und Kontakt in Gegenwärtigem schwächt die Dominanz vergangener Traumainhalte in Denken, Fühlen und Verhalten nachhaltig. Er hilft ein posttraumatisch fragiles Selbst wieder zu stabilisieren – „Ab-Wesende“ lernen wieder „an-wesend“ zu sein.
  • Im Rahmen einer auf dieser Grundlage orientierten, vierphasigen Therapie von Traumafolgestörungen wird die Haltung mit den entsprechenden Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt und eingeübt:
  1. Aktuelle eigene Kontrollmöglichkeiten wahrnehmen und so für Sicherheit sorgen.
  2. Stabilität des Selbst auch unter trauma-assoziierten Umständen bewahren und fördern statt Gefangene der traumatischen Erfahrung zu bleiben.
  3. Dialogische Exposition – im Rahmen einer imaginierten Täterkonfrontation mit der „4-Stühle-Technik“ Alternativen für peritraumatisch erworbene erlebte Hilflosigkeit, Unterwerfung, Selbstaufgabe entwickeln – eigener Stärken wieder finden.
  4. Die Kompetenz erwerben, weiteren Grenzverletzungen im Rahmen des prinzipiell Kontrollierbaren vorzubeugen.
  • In der Integrationsphase geht es darum, Stärken zu stabilisieren, aber auch durch die Traumatisierung eingetretene, unverrückbare Veränderungen, Schwächen, Misserfolge usw. anzunehmen. „Täterintrojekte“ gilt es zu explorieren und zu entschärfen. Weitere Ziele sind: Die Dialogfähigkeit fördern, neue Möglichkeiten der Selbst-Antwort im Sinne einer „Response-Ability“ entwickeln und ausbauen.
  • Die Förderung der Selbstwahrnehmung seitens der Therapeut*innen ist im Rahmen der In-Session Kontaktgestaltung eine wesentliche therapeutische Ressource.

 

Zugangsvoraussetzungen

Abschluss/Zertifizierung

Leitung der Ausbildung

Inhalte der 7 Module

Modul 1(2-tägig; Leitung: Dr. Thomas Maurer & Prof. Willi Butollo)
Dialogisch-Humanistische Perspektive von Traumafolgen: Akute Belastungsstörung, PTBS und KPTBS: Phänomenologie und Diagnostik
Theoretische Kenntnisse und praktische Fertigkeiten zu den Prozessen während und nach einer Traumatisierung

  • Theoretische Kenntnisse und Einüben der praktischen Umsetzung einer dialogischen Haltung der Beziehungsgestaltung mit traumatisierten Patient*innen
  • Techniken der Vermittlung von Sicherheit; Exploration von Sicherheits- und Unsicherheitsprozessen
  • Grundlegendes zur Selbstwahrnehmung und einem dialogischen Verständnis des Selbstausdrucks
  • (Re-)Aktivierung sozialer Ressourcen und Kompetenzen

 

Modul 2 (2-tägig; Leitung: Prof. Willi Butollo & Dr. Andrea Butollo)
Posttraumatische Selbstprozesse re-stabilisieren – Kontaktgestaltung mit akut und chronisch traumatisierten Patient*innen

  • Optionen der Unterstützung von Patient*innen im Auf- und Ausbau des Selbstwirksamkeitserlebens im Dialog
  • Ausbau der Fähigkeit zur Affekttoleranz und Affektregulation
  • Wahrnehmen eigener Grenzen und Vermittlung der Fähigkeit zur Grenzziehung
  • Übungen zum therapeutischen Stil im Umgang mit traumatisierten Menschen

 

Modul 3 (2-tägig; Leitung Dr. Markos Maragkos)
Dialogisch fundierte Krisenintervention

  • Notzfall- und Krisenintervention; Grundlagen therapeutischen Arbeitens an non-komplexer Traumatisiserung
  • Einführung in situative und dialogische Exposition

 

Module 4 & 5 (jeweils 2-tägig; Leitung Dr. Thomas Maurer, Prof. Willi Butollo, Dr. Andrea Butollo)
Kontaktprozessen mit komplex traumatisierten Patient*innen:
Phänomenologie, funktionale und dysfunktionale Bewältigungsstrategien aus einer dialogisch-humanistischen Perspektive

  • Besonderheiten einer dialogischen Beziehungsgestaltung
  • Selbstprozesse auf Patient*innenseite; Entwicklung von Selbst-Fürsorge und einer Erweiterung von Selbst-Antwortmöglichkeiten im Umgang mit Gedanken, Gefühlen und Impulsen; Arbeit an dysfunktionalen Prozessen der Selbst- und Fremdbewertung
  • Dialogische Arbeit in intrapsychischen Prozessen der Scham, der Schuld und des Schuldgefühls, des Ekels; Arbeit mit Täterintrojekten: Folgen sexualisierter Gewalt für Selbstprozesse und Kontaktgestaltung
  • Zum Dialogisch-Humanistischen Verständnis und Umgang mit Dissoziationstendenzen
  • (Täter-)Expositionstechniken mit besonderer Gewichtung der „4-Stühle-Technik“
  • Weiterleben nach dem Trauma mit einem verbesserten Umgang mit der Symptomatik und einem Akzeptieren der Tatsache einer prinzipiellen Begrenztheit eigener Kontrollmöglichkeiten
  • Traumafolgen für die Persönlichkeit; dialogische Arbeit bei Dissoziation.
    Integration bei struktureller Dissoziation
  • Übungen an Fallbeispielen aus der Praxis

 

Modul 6 (2-tägig; Leitung Dr. Thomas Maurer)
Kollektive Traumatisierung:

  • Krieg, Folter, Flucht und Traumatisierung
  • Folgen sexualisierter Gewalt
  • Psychohygiene auf therapeutischer Seite: Arbeit an traumarelevanten, biographischen Erfahrungen
  • Sensibilisieren für Prozesse und Symptome der sekundären Traumatisierung und Optionen der Prävention eigenen Burn-Outs

 

Modul 7a und 7b (je eintägig; Leitung Dr. Thomas Maurer / Prof. Willi Butollo)
Gruppen-Supervision:
An zwei Tagen bearbeiten von Fällen aus dem eigenen Tätigkeitsfeld

Das gesamte DHTT Curriculum besteht aus drei Abschnitten, die auch getrennt gebucht werden können.

Hier der Überblick:

A3 Dialogisch-Humanistische Traumatherapie (142 UE)

Abschnitt I: A 3.1 Basiskurs Dialogisch-Humanistische Traumatherapie
Wochenendkurse oder Blockkurse
Abschnitt II: A 3.2 Vertiefung Dialogisch-Humanistische Traumatherapie
Wochenendkurse oder Blockkurse
Abschnitt III: A 3.3 Supervision und Abschlusskolloquium

3.1 – 3.2: je 60 UE;
3.3: 20 UE plus 2 Einzel UE

Kosten

Pro Kurstag 220.- €,
Pro Modul (2 Tage) 440.– €
MIT Zertifizierung (optional): 445.– €

Link zur Buchung der Seminare